Der Verfügbarkeitsfehler: Warum wir falsche Prioritäten setzen
2012, unmittelbar nach der Katastrophe von Fukushima, befürworteten 73 % der Deutschen den Atomausstieg. Die Bilder von überfluteten Reaktoren und den immensen Schäden waren noch frisch, das Risiko der Kernkraft allgegenwärtig. Zehn Jahre später war die Katastrophe aus den Köpfen vieler verschwunden, die Berichterstattung hatte sich anderen Themen zugewandt. In einer Umfrage aus dem Jahr 2022 unterstützten 69 % der Befragten die Nutzung von Kernenergie zur Erreichung der Klimaziele [1]. Dieser Stimmungsumschwung verdeutlicht, wie stark unsere Meinungen von der Verfügbarkeit aktueller Informationen beeinflusst werden. Was präsent ist, wirkt wichtig; was verdrängt wird, scheint irrelevant.
Dieses Phänomen, bekannt als Verfügbarkeitsfehler, ist tief in der menschlichen Wahrnehmung verankert. Es basiert auf der Verfügbarkeitsheuristik, die beschreibt, wie unser Gehirn Entscheidungen und Bewertungen auf Basis der Informationen trifft, die leicht zugänglich oder besonders einprägsam sind. Daniel Kahneman fasst dies unter dem, wie er sagt etwas sperrigen, Akronym WYSIATI zusammen: „What You See Is All There Is“ [2]. Wir berücksichtigen nur das, was wir sehen oder wissen, und vernachlässigen alles, was uns nicht unmittelbar bewusst ist. Dies führt dazu, dass wir uns häufig von emotionalen und auffälligen Eindrücken leiten lassen, anstatt die Gesamtheit der relevanten Fakten zu betrachten.
In Deutschland wird nach jeder islamistisch motivierten Messerattacke ausführlich in den Medien berichtet, und Politiker diskutieren Maßnahmen wie Messerverbote. Betrachtet man jedoch die Opferzahlen, zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht in der öffentlichen Wahrnehmung: Zwischen 2016 und 2024 wurden in Deutschland 20 Menschen durch islamistisch motivierte Anschläge getötet und 118 Menschen verletzt (Täter nicht mit eingerechnet) [3]. Allein im Jahr 2023 starben hingegen 26.000 Menschen an den Folgen von Typ-2-Diabetes, was 2,5 % aller Todesfälle entspricht [4]. Wann aber haben Sie zuletzt in den Hauptnachrichten gehört, dass von Diabetes berichtet wurde?
Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass die mediale Berichterstattung und politische Debatten oft nicht die tatsächlichen Risiken widerspiegeln. Medien zielen darauf ab, Aufmerksamkeit zu erregen, was sie durch das Ansprechen unseres Angstinstinkts erreichen. Drei Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle: „das Unbekannte, das Unkontrollierbare und das Außergewöhnliche“ [5, Audible Kapitel 1]. Gefahren wie Diabetes sind zu abstrakt, um Angst zu erzeugen. „Die echten Bedrohungen unserer Zeit, wie die Klimakrise, multiresistente Keime, ungesunde Ernährung, verschmutzte Ozeane oder die exponentielle Ausbreitung von Viren sind für unser Gehirn schwer zu begreifen“ [5, Audible Kapitel 1].
Diese, als Verfügbarkeitsfehler bekannte, kognitive Verzerrung führt dazu, dass wir Risiken falsch einschätzen und uns auf unwahrscheinliche, aber medienwirksame Gefahren konzentrieren, während wir alltägliche Bedrohungen kaum wahrnehmen. Wie der Bestätigungsfehler [6], der auf der selektiven Wahrnehmung sichtbarer Informationen beruht, führt auch der Verfügbarkeitsfehler zu einer verzerrten Weltsicht, in dem er uns dazu verleitet, sichtbare und auffällige Informationen zu überbewerten.
Doch selbst wenn wir auf solche Verzerrungen hingewiesen werden, bleibt unser Verhalten oft unverändert. Dieses Phänomen, als Perseveranzeffekt bekannt [7], zeigt, wie tief unsere ursprünglichen Überzeugungen emotional verankert sind. Obwohl wir rational begreifen können, dass Diabetes ein weitaus größeres Risiko darstellt als Terroranschläge, bleibt die irrationale Angst vor letzterem bestehen. Eingebettet in prägnante Bilder und Geschichten, sind diese Überzeugungen resistent gegen Veränderung.
Nassim Nicolas Taleb beschreibt in diesem Zusammenhang eine weitere wichtige Dimension: die sogenannte Asymmetrie in der Wahrnehmung. Er argumentiert, dass sichtbare Leistungen oder Ereignisse bevorzugt wahrgenommen und belohnt werden, während unsichtbare Erfolge – wie vermiedene Risiken – ignoriert werden. Es sei viel einfacher, mit „Schauen Sie, was ich für Sie getan habe“ zu überzeugen, als mit „Schauen Sie, was ich für Sie vermieden habe“. Präventionsmaßnahmen leiden besonders unter dieser Asymmetrie – „There is no glory in prevention.“
Die emotionale Verzerrung, die der Verfügbarkeitsfehler hervorruft, hat tiefgreifende Konsequenzen. Taleb beschreibt in Antifragilität, wie unsere emotionale Energie blind gegenüber Wahrscheinlichkeiten ist [8, Abschnitt Bottom-up-Variationen]. Medien verschärfen dies, indem sie Geschichten priorisieren, die unsere Sensationsgier bedienen. So dominieren spektakuläre Bilder von Wirbelstürmen die Aufmerksamkeit, während alle sieben Sekunden ein Mensch an Diabetes stirbt.
Wie können wir dem Verfügbarkeitsfehler entgehen und bessere rationale Entscheidungen treffen? Eine Möglichkeit besteht darin, unsere Aufmerksamkeit aktiv auf sogenannte „Nicht-Ereignisse“ zu lenken – jene Punkte, die nicht präsent sind, aber dennoch relevant. Es hilft, sich beim Lesen oder Diskutieren bewusst zu fragen, was durch eine Behauptung ausgeschlossen wird [9, Abschnitt 10.3]. Das schafft Klarheit über blinde Flecken und stärkt die Argumentation. Das erfordert, dass wir aktiv nach Fakten suchen, die unsere eigenen Überzeugungen widerlegen könnten. Dieser Ansatz verhindert eine einseitige Perspektive, eröffnet tiefere Diskussionen und liefert ein genaueres Bild der Realität [10, Audible Kap 34 16:22]. Nur durch die kritische Prüfung und Hinterfragung eigener Ideen können wir Verzerrungen reduzieren und der Wahrheit näherkommen. Das ist die wissenschaftliche Methode [11].
Letztlich verdeutlicht der Verfügbarkeitsfehler, wie wichtig es ist, sich nicht nur von auffälligen Informationen leiten zu lassen. Jordan Peterson betont in seinem Buch 12 Rules for Life, dass erfolgreiche Menschen bereit sind, kurzfristige Befriedigungen hinauszuzögern und mit der Zukunft zu verhandeln [12, Audible Kapitel 201]. Das bedeutet, nicht nur auf die lautesten Signale zu hören, sondern die stillen, unsichtbaren Risiken zu erkennen. Nur so können wir verzerrte Prioritäten korrigieren und fundierte Entscheidungen treffen, die der Komplexität unserer Welt gerecht werden.
Quellen
- Mehrheit für Kernenergie: Aktuelle Umfragen zur Atomkraft in Deutschland. Tech for Future. 21. Apr. 2024. Artikel lesen (besucht am 9. 12. 2024).
- Kahneman, D. Schnelles Denken, langsames Denken. Unter Mitarb. von Thorsten Schmidt und Jürgen Holdorf. OCLC: 891956360. München: Hörverlag, 2013. ISBN: 978-3-8445-1270-0.
- Zahlen und Fakten. Bundesamt für Verfassungsschutz. Zahlen und Fakten (besucht am 9. 12. 2024).
- Infografik: Wie viele Menschen sterben an Diabetes. Statista Daily Data. 14. Nov. 2024. Infografik ansehen (besucht am 9. 12. 2024).
- Windscheid, L. Besser fühlen: eine Reise zur Gelassenheit. Originalausgabe. Hamburg: Rowohlt Polaris, 2021. 264 S. ISBN: 978-3-499-00377-6.
- Kümmritz, S. Bestätigungsfehler. LinkedIn. 24. Sep. 2024. Artikel auf LinkedIn (besucht am 18. 11. 2024).
- Perseveranzeffekt. In: Wikipedia. Page Version ID: 238650096. 30. Okt. 2023. Wikipedia-Artikel (besucht am 9. 12. 2024).
- Taleb, N. N. Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Unter Mitarb. von Susanne Held. 4. Auflage. München: Pantheon, 2018. 685 S. ISBN: 978-3-8135-0489-7, 978-3-570-55389-3.
- Ahrens, S. How to take smart notes. ISBN: 1-5428-6650-2, 978-1-5428-6650-7.
- Hawkins, J. J., & Dawkins, R. A thousand brains: eine neue Theorie der Intelligenz. 1. Auflage. München: riva, 2022. 320 S. ISBN: 978-3-7423-2212-8.
- Kümmritz, S. Über Wissenschaft. 28. Aug. 2024. Artikel auf LinkedIn (besucht am 18. 11. 2024).
- Peterson, J. B., & Ingendaay, M. 12 rules for life: Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt. 1. Auflage, deutsche Erstausgabe. München: Goldmann, 2018. 575 S. ISBN: 978-3-442-31514-7.
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