Artgerecht (?)
Wir leben in einer Welt, die sich immer weiter von den Bedingungen entfernt, unter denen die menschliche Natur ursprünglich gedieh. Wir verbringen die meiste Zeit des Tages sitzend, unsere Umgebungstemperatur liegt, unabhängig von der Jahreszeit, bei etwa 20 Grad Celsius, und Obst und Gemüse sind das ganze Jahr über verfügbar. Dabei spielen Obst und Gemüse in unserer Ernährung zudem nur noch eine untergeordnete Rolle. Tatsächlich stopfen wir uns mit energiereichen und nährstoffarmen Industrieprodukten voll, die uns gleichsam über- als auch unterernährt zurücklassen. Die durch den Konsum stark raffinierter Produkte wie Weizen und Zucker erzeugte Achterbahnfahrt unseres Blutzuckers lässt uns zwischen Zucker-High und Zucker-Crash hin und her pendeln und dabei die Hälfte des Tages in einem unproduktiven kognitiven Nebel verschwenden. Die wenigen geistigen Ressourcen, die uns dabei noch bleiben, lassen wir uns durch eine ständige Flut von oft irrelevanten Informationen nehmen. Dieser Zustand, der unsere Gesellschaft ausmacht und den wir als normal empfinden, ist alles andere als natürlich.
Normal ist ein Zustand, der von uns als gewöhnlich wahrgenommen wird. Er spiegelt sich in Verhaltensweisen und Standards wider, die innerhalb der vorherrschenden Rahmenbedingungen als standardmäßig oder durchschnittlich angesehen werden. Doch der Standard bedeutet nicht, dass es auch das Beste für uns ist. Ein kleines Beispiel: In der Neurobiologie des Menschen gilt eine jährliche Schrumpfungsrate unseres Hippocampus um jährlich 1,4 Prozent als normal, solange sie nicht beschleunigt stattfindet. Doch die Tatsache, dass eine solche Schrumpfung als normal angesehen wird, bedeutet nicht, dass sie natürlich oder gesund ist [1; Kapitel 5: Wachsen und Schrumpfen des Frontalhirnakkus]. Unser Hippocampus gilt als eine der wenigen Regionen unseres Gehirns, der die Fähigkeit zur Neubildung von Nervenzellen und somit ein Wachstum zugeschrieben wird. Auch wenn die Studienlage hierzu mitunter widersprüchlich ist [2], deutet vieles darauf hin, dass die als normal angesehene Schrumpfung unseres Hippocampus höchstwahrscheinlich auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zurückzuführen ist. Faktoren wie chronischer Stress, Bewegungsmangel, unzureichende mentale Stimulation und ein hektischer Lebensstil könnten die natürliche Plastizität des Hippocampus beeinträchtigen und so das erwartete Volumenwachstum verhindern oder gar zum Schrumpfen führen.
Dabei spielt unser Hippocampus eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung und Lernprozessen. Mit anderen Worten: Einschränkungen in dieser Gehirnregion verringern unsere geistige Flexibilität. Möglicherweise ist die Schrumpfung des Hippocampus eine Ursache für den sogenannten Altersstarrsinn, also der zunehmenden Unnachgiebigkeit und Rigidität im Denken und Verhalten, die manche Menschen im höheren Lebensalter entwickeln können. Diese Verhaltensweise ist oft durch eine abnehmende Bereitschaft gekennzeichnet, sich auf neue Ideen oder Veränderungen einzulassen oder von festgefahrenen Meinungen abzuweichen.
Die als normal angesehene Schrumpfung unseres Hippocampus ist nur eines von vielen Beispielen unserer Zeit, wie sich unsere „Normal“-Wahrnehmung von unserem natürlichen Potential entfernt. Weitere Beispiele sind, entsprechend den Ergebnissen der PISA-Studien, ein konstant sinkendes Bildungsniveau in vielen Industrienationen, eine Abnahme der körperlichen Fitness von Jugendlichen im Vergleich zu vorherigen Generationen [3], eine Zunahme der Kurzsichtigkeit in vielen Teilen der Welt, insbesondere in Asien, aber auch in westlichen Ländern, eine kontinuierliche Abnahme der Aufmerksamkeitsspanne [4] sowie ein Anstieg psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen.
All diese Entwicklungen haben ganz klare Ursachen. Doch anstatt diese Ursachen zu bekämpfen, behandeln wir die Symptome. Wir besorgen uns und unseren Kindern Brillen gegen die Kurzsichtigkeit, anstatt unseren Bildschirmkonsum einzuschränken und unsere Aufenthaltszeit in der freien Natur zu erhöhen. Wir verschreiben unseren Kindern Stimulanzien wie Ritalin gegen ADHS, anstatt ihr natürliches Bedürfnis nach Bewegung zu fördern. Wir nehmen Metformin als Mittel gegen Diabetes, anstelle unsere Ernährung umzustellen und auf raffinierten Zucker und Weißmehl zu verzichten. Wir nehmen Statine zur Senkung des Cholesterinspiegels, anstatt durch Diätänderungen und erhöhte körperliche Aktivität das Risiko von Herzerkrankungen zu verringern. Wir setzen auf Antidepressiva wie Sertralin, um Depressionen zu behandeln, anstatt Stressquellen zu reduzieren und Bewältigungsstrategien wie Achtsamkeit oder Therapie zu fördern. Diese Aufzählung lässt sich beliebig lange fortführen. Vor allem aber demonstriert sie den Geist unserer Zeit: „Zivilisationskrankheiten werden nicht vermieden, indem man den Lebensstil ändert und damit die Ursachen beseitigt, sondern therapiert, indem man die Symptome lindert“ [1; Kapitel 13: Zombieapokalypse. Letztes Kapitel?]. Dieses Vorgehen spiegelt eine tief verwurzelte menschliche Neigung wider, sofortige Lösungen zu bevorzugen, selbst wenn diese nur symptomatisch sind. Wir sind geneigt, Handlungen zu bevorzugen, die zu unmittelbaren, sichtbaren Resultaten führen, anstatt langfristige Präventionsmaßnahmen zu ergreifen, deren Vorteile möglicherweise erst nach Jahren sichtbar werden.
Das Problem hierbei ist: There is no glory in prevention. „Es ist viel einfacher, sich mit dem Hinweis ‚Schauen Sie nur, was ich für Sie getan habe' zu verkaufen, als mit ‚Schauen Sie nur, was ich für Sie vermieden habe'“ [5; Abschnitt „Es lebe das Zaudern“]. Diesen Drang zum Handeln illustriert eine Studie aus den 1930er Jahren eindrucksvoll. „Darin wurden 389 Kinder New Yorker Ärzten vorgestellt. Bei 174 wurde die Empfehlung ausgesprochen, die Mandeln zu entfernen. Die restlichen 215 Kinder wurden erneut (anderen) Ärzten vorgestellt, von denen 99 die Empfehlung einer Mandeloperation erhielten. Als die verbleibenden 116 Kinder einem dritten Team von Ärzten vorgestellt wurden, erhielten 52 die besagte Empfehlung“ [5; Abschnitt Naives Intervenieren]. Diese Präferenz für unmittelbare Ursache-Wirkung-Beziehungen gegenüber langsamen, langfristigen Effekten kann oft kontraproduktive Ergebnisse nach sich ziehen, insbesondere wenn es um unsere Gesundheit geht.
Durch Medikamente ist uns ein relativ langes Leben mit unseren Zivilisationskrankheiten möglich, während gleichzeitig die Dringlichkeit einer Änderung des Lebensstils in den Hintergrund rückt. Dieses Vorgehen mag kurzfristige Symptome lindern, verzögert jedoch notwendige präventive Maßnahmen, die wesentlich nachhaltiger wären und tatsächlich zur Heilung beitragen könnten [1; Kapitel 7: Evolution des menschlichen Geistes].
Auf diese Weise verlängern wir unser Leben immer weiter, während die Menschen gleichzeitig immer kränker werden. In einer natürlichen Umgebung, wie bei Jägern und Sammlern, ändern sich Werte wie der Blutdruck bis zum Tod nicht wesentlich, während sie in der modernen Welt stetig schlechter werden. Dieses künstliche Altern ist ein Ergebnis unserer unterdrückten Antifragilität, die durch ständige Bequemlichkeit und mangelnde Herausforderungen erstickt wird [5; Abschnitt „Die Katze in der Waschmaschine“].
„Was unsere Medizin teurer macht als nötig, ist nicht (allein) ihr hohes apparatives Niveau. Es ist vielmehr die Tatsache, dass Symptome, die sich aus der Lebenssituation von Patienten heraus entwickelt haben, nicht in ihrem Zusammenhang erkannt, sondern stattdessen isoliert behandelt werden. Was behandelt wird, ist dann der medizinische Befund, nicht aber der kranke Patient. Das Ergebnis ist, dass sich Symptome trotz teurer Behandlung und immer neuer teurer apparativer Diagnostik nicht bessern“ [6; Audible Kapitel 80]. Dies wird besonders deutlich, wenn man betrachtet, dass die Vereinigten Staaten zwar mehr pro Kopf für Gesundheitsversorgung ausgeben als jedes andere Land der Welt, aber dennoch 39 Länder eine höhere Lebenserwartung aufweisen [7; S. 198].
In unserem Gesundheitssystem herrscht also die Tendenz, Zivilisationskrankheiten nicht durch eine Änderung des Lebensstils und damit die Beseitigung der Ursachen zu vermeiden, sondern durch Therapien zu behandeln, die lediglich die Symptome lindern. Im Übrigen ergibt dieser Ansatz eine, aus kapitalistischer Sicht, Win-win-Situation zwischen Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Die Lebensmittelkonzerne verkaufen uns Produkte, die unser Belohnungssystem ausnutzen, sodass wir weit mehr konsumieren, als wir aus rein kalorischer Sicht benötigen, während es diesen Produkten an essenziellen Stoffen wie Antioxidantien, sekundären Pflanzenstoffen, Mineralstoffen, Ballaststoffen usw. mangelt. Zur Behandlung dieses Nährstoffmangels bzw. des Kalorienüberschusses verkauft uns dann die Pharmaindustrie Nahrungsergänzungsmittel, Metformin (gegen Diabetes), Wegovy (die Abnehmspritze) usw. Dieses Gleichgewicht zwischen ungesunder Ernährung und pharmakologischer Intervention ermöglicht es uns, mit einem Lebensstil bestehend aus mangelnder Bewegung und ungesunder Ernährung einigermaßen alt zu werden.
Dabei ist der menschliche Körper für regelmäßige und ausdauernde Bewegung gemacht, eine Tatsache, die in unserer modernen, oft sitzenden Lebensweise vernachlässigt wird. Studien zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität signifikant die kognitiven Funktionen, insbesondere die Aufmerksamkeitskontrolle und exekutiven Funktionen, verbessern kann. Besonders effektiv sind Programme, die in den Schulalltag oder in Sportaktivitäten integriert sind, und zeigen, dass gut strukturierte Bewegungsprogramme eine wichtige Rolle bei der Förderung der mentalen Leistungsfähigkeit spielen [7].
Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Bewegung in den Alltag zu integrieren, um sowohl die körperliche Fitness als auch die mentale Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit zu fördern – zentrale Aspekte für die Entwicklung und das Wohlbefinden, insbesondere von Kindern, aber auch generell jeder Person beliebigen Alters. Damit wird deutlich, wie integral präventive Maßnahmen wie regelmäßige körperliche Aktivität dabei helfen können, langfristig die Gesundheit zu verbessern und zu erhalten.
Dies ist nicht nur ein wesentlicher Schlüssel zu einer besseren körperlichen und geistigen Fitness, sondern auch eine Prävention gegen den Konsum von Alkohol und Drogen. Ein recht eindrucksvolles Beispiel der positiven Auswirkungen von Bewegungsprogrammen sowie weiteren Maßnahmen zur Förderung sinnstiftender sozialer Interaktionen wie Theater- und Musikprogrammen zeigte das „Island-Experiment“ [8]. In den 1990er Jahren haben mehr als 40 Prozent der Jugendlichen in Island regelmäßig Alkohol und Drogen konsumiert. Heute greift weniger als jeder zehnte jugendliche Isländer zur Flasche. Die Ursache dafür ist neben einer strikteren Drogenpolitik vor allem ein staatlich gefördertes Freizeitprogramm. Drogen werden mutmaßlich zur Stressregulation genutzt. Werden den Jugendlichen Möglichkeiten zur aktiven Freizeitgestaltung gegeben, insbesondere im Bereich Sport, erhalten sie dadurch eine sinnvolle Alternative zur Stressregulation und sind dadurch weniger anfällig für Suchterkrankungen. Auch die Eltern wurden beim Island-Modell in die Pflicht genommen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Ähnliche Programme auf regionaler Ebene überall in der Welt haben den Erfolg dieses Ansatzes bestätigt.
„Der Hauptzweck des Gehirns ist Bewegung. Ein gutes Beispiel dafür sind Bandwürmer. Prähistorische Bandwürmer hatten Gehirne. Als sie anfingen, sich in Därmen von Wirten niederzulassen, war alles Lebensnotwendige im Überfluss vorhanden, womit sich die Notwendigkeit der Fortbewegung erübrigte. Infolgedessen bildeten sich ihre Gehirne zurück. Wie den Bandwürmern ist es bisher auch allen anderen Parasiten ergangen. Erst benutzen sie ihr Gehirn besonders schlau, um sich ein bequemes Leben zu machen, und wenn sie es dann endlich geschafft haben, fangen sie an zu verblöden“ [9; Kapitel 4]. Schaut man sich die Entwicklungen der Schulleistungen in den meisten Industrienationen an, findet man hier eine gewisse Parallele.
Neben der mangelnden Bewegung führten weitere gesellschaftliche Entwicklungen zu einer Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Natur. Der Mensch ist ein soziales Tier. So schrieb Feuerbach: „Das Wesen des Menschen ist nur in der Gemeinschaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten – eine Einheit, die sich aber auf die Realität des Unterschieds von Ich und Du stützt“ [10]. Diesem Grundsatz steht der starke Individualismus unserer heutigen Zeit entgegen und führt sogar zu einer Ära der Einsamkeit. „Mit dem kulturellen Trend hin zu einer Individualisierung und der damit zunehmenden Zahl an Single-Haushalten steigt das Problem krankmachender Einsamkeit, nicht nur in Deutschland. Dies betrifft auch schon nahezu jeden vierten Jugendlichen. Experten sprechen von einer modernen Epidemie. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP [11] nahm auch in Deutschland die Einsamkeitsquote allein in den Jahren von 2011 bis 2017 bei den 45- bis 84-Jährigen um rund 15 Prozent zu. In einzelnen Altersgruppen sogar um 59 Prozent“ [1; Kapitel 9: Der soziale Mensch].
In einer Welt, die sich zunehmend von den natürlichen Bedingungen entfernt, denen der Mensch ursprünglich angepasst war (Ernährung, Bewegung, soziale Interaktion), haben das Internet und darin insbesondere die sozialen Medien tiefgreifende Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere psychische Gesundheit. Sie verändern nicht nur unsere Art zu kommunizieren, sondern auch, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen. „Verschiedene Studien haben seit Ende der 1970er eine allmähliche Zunahme der Selbstversunkenheit und des Narzissmus festgestellt, die seit 2000 einen steileren Anstieg verzeichnet. [...] Heutzutage verbringen viele Menschen weniger Zeit mit sozialen Interaktionen und mehr Zeit in den sozialen Medien, und diese Verlagerung macht es zunehmend schwer, Empathie zu entwickeln und soziale Fähigkeiten zu schärfen. Wie jede Fähigkeit entsteht Empathie nur dann, wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt. Wenn ihre Aufmerksamkeit ständig unterbrochen wird, weil sie einen prüfenden Blick auf ihr Smartphone werfen, werden sie niemals einen Einblick in die Gefühle und Perspektiven ihres Gegenübers erhalten. Sie werden ständig in ihre eigene Innenwelt gezogen, schwimmen nur an der Oberfläche sozialer Interaktionen, tauchen aber niemals völlig ab“ [12; Audible Kapitel 2 – Das narzisstische Spektrum – 0:24:13].
„Der Fokus unserer Gesellschaft liegt auf einer wirtschaftskonformen und nicht artgerechten Lebensweise“ [1; Kapitel 8: Vom Sinn des Lebens]. Die steigende Selbstbezogenheit und der Narzissmus, die durch das Wachstum von Technologie und sozialen Medien gefördert werden, sind Symptome einer tieferen sozialen und ökonomischen Verschiebung. Karl Marx, dessen Kritik des Kapitalismus auch heute noch relevante Einsichten bietet, argumentierte, dass das Kapital „rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters“ sei, „wo es nicht durch die Gesellschaft zu Rücksicht gezwungen wird“ [13; Audible Kapitel 369]. Ersetzen wir bei diesem Satz den Arbeiter durch den Konsumenten, dann haben wir exakt die bis hier beschriebene Situation. Diese Beobachtung illustriert, wie der Kapitalismus oft die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden den Profitinteressen unterordnet.
Die Individualisierung und die Isolierung, die in heutigen kapitalistischen Gesellschaften vorherrschen, waren für Marx Vorboten einer Entfremdung, die nicht nur die Beziehung des Menschen zur Arbeit betrifft, sondern auch die Verbindungen zwischen den Menschen selbst. „Eine unmittelbare Konsequenz davon, dass der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebenstätigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen, also von jenem Ensemble, das Menschsein überhaupt erst ausmacht. Wo jeder sich selbst zum Nächsten wird und werden muss, im neoliberalen Neusprech Eigenverantwortung, verlieren sich Gemeinschaft und Gemeinsamkeit in Konkurrenz und Einsamkeit“ [13; Audible Kapitel 105].
Die heutigen Profitinteressen liegen vor allem im Silicon Valley, und die Ressource, mit der dort gearbeitet wird, ist unsere Aufmerksamkeit. „Bei der täglichen Arbeit dort geht es darum, die Nutzerzahlen zu erhöhen. Was man verkauft, ist die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erregen und zu erhalten“ [14; Bookbeat 5:22:10]. „Je mehr Menschen auf ihre Mobiltelefone starren, desto mehr Geld verdienen die Leute im Silicon Valley. Sie wollen gar keine Gadgets und Webseiten entwickeln, die die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen verkürzt. Sie sind nicht der böse Joker, der versucht, Chaos zu stiften und die Menschen dumm zu halten. Stattdessen verbringen sie selbst einen Großteil ihrer Zeit mit Meditation und Yoga, und viele von ihnen verbieten ihren eigenen Kindern die Nutzung der von ihnen entworfenen Webseiten und Gadgets und schicken sie stattdessen auf Montessori-Schulen, wo Handys und andere Geräte verboten sind. Aber: Ihr Geschäftsmodell kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie die Aufmerksamkeitsspanne der breiten Gesellschaft beherrschen“ [14; Bookbeat 5:20:52].
Wir leben in einer Welt, die sich weit von den natürlichen Bedingungen entfernt hat, unter denen die menschliche Natur ursprünglich gedeihen konnte. Der moderne Lebensstil ist geprägt von Bequemlichkeit, ständigem Zugang zu Nahrungsmitteln, Bewegungsmangel und einer Flut an Informationen, die unsere Aufmerksamkeit fragmentiert. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass viele von uns chronisch kränker werden, da die Ursachen für Zivilisationskrankheiten nicht angegangen werden. Stattdessen behandeln wir die Symptome mit Medikamenten, die uns zwar ein längeres, aber nicht unbedingt gesünderes Leben ermöglichen.
Um unser Leben artgerechter zu gestalten und die negativen Auswirkungen unseres modernen Lebensstils zu minimieren, können wir auf einige einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen zurückgreifen, die unser Wohlbefinden fördern und unsere Lebensqualität verbessern. Ein zentrales Konzept hierbei ist, dem Körper bewusst positiven Stress zuzuführen, um dessen natürliche Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit zu fördern. Denn „um uns herum lassen sich unschwer Bereiche finden, die von einem gewissen Grad an Stress und Unbeständigkeit profitieren: Wirtschaftssysteme, Ihr Körper, Ihre Ernährung – vieles deutet darauf hin, dass Diabetes und viele moderne Krankheiten dieser Art damit zusammenhängen, dass ein bestimmtes Ernährungsschema stur beibehalten wird und der Stressor des Hungerns nicht mehr vorkommt“ [5; Audible II. Das Antifragile 02:21].
Der menschliche Körper ist für Bewegung gemacht. Bewegung verbessert nicht nur die körperliche Fitness, sondern hat auch einen positiven Einfluss auf unsere geistige Leistungsfähigkeit und unser emotionales Wohlbefinden. Aktivitäten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren, aber auch sanfte Bewegungsformen wie Yoga und Wandern, sollten ein fester Bestandteil unseres Alltags sein. Bewegung setzt den Körper regelmäßig unter positiven Stress, wodurch er gestärkt wird und widerstandsfähiger bleibt.
Eine extreme Möglichkeit, den Körper gezielt unter Stress zu setzen, bietet das Eisbaden im Winter. Es fördert die Durchblutung, stärkt das Immunsystem und unterstützt die mentale Widerstandskraft [15]. Es erfordert Überwindung, aber gerade in diesen Momenten, wenn wir bewusst unsere Komfortzone verlassen, wächst unsere innere Stärke – wie es Neale Donald Walsch ausdrückte: „Das Leben beginnt am Rande deiner Komfortzone“ [14; Bookbeat 11:24:41]. Ich selber war früher ein ausgeprägter Warmduscher. In einem Selbstversuch wollte ich einmal testen, ob ich das mit dem Eisbaden schaffen kann. Ich fing im Oktober bei 18 Grad Wassertemperatur an, regelmäßig, mindestens zwei Mal in der Woche, für mindestens 5 Minuten in den See zu gehen. Am Ende habe ich es auch geschafft, durch ein Loch im Eis in 4 Grad kaltes Wasser bei -8 Grad kalter Außentemperatur zu springen, und ich habe es genossen. Dies war der erste Winter, in dem ich nicht über die dauernde Kälte und Dunkelheit deprimiert war, im Gegenteil: Im darauffolgenden Sommer begann ich mich immer mehr auf meine nächste „Badesaison“ zu freuen.
Um unseren Stoffwechsel einmal auf null zu setzen, kann es helfen, hin und wieder einen oder gar mehrere Tage auf Essen zu verzichten. Das Fasten hilft dabei, den Stoffwechsel zu regulieren, die Insulinsensitivität zu verbessern und das Risiko für chronische Erkrankungen wie Diabetes zu reduzieren. Der beim Fasten eintretende Prozess der Autophagie regt den Abbau nicht mehr funktionsfähiger Zellen an, was gewissermaßen einer zellulären Generalüberholung entspricht. Fasten setzt den Körper einem milden Stress aus, der dazu führt, dass er sich effizienter anpasst und regeneriert. Auch hier konnte ich mir früher kaum vorstellen, einmal einen ganzen Tag auf Essen zu verzichten, bis ich es ausprobiert habe. Auch wenn ich an diesem Tag sicher nicht die Fröhlichkeit in Person war, so war dann der Genuss des Frühstücks am darauffolgenden Tag ein Offenbarungseid, der mich dazu brachte, in der Folge an zwei vollen Tagen pro Woche zu fasten. Mittlerweile bin ich zum etwas sozialverträglicheren 16:8-Intervallfasten übergegangen.
Wichtiger noch als Fasten ist generell eine natürliche und gesunde Ernährung, um unseren Körper artgerecht zu versorgen. Dies bedeutet den Verzicht auf industriell hergestellte Produkte und stark raffinierte Zutaten wie Zucker und Weißmehl. Stattdessen sollten frische, unverarbeitete Lebensmittel, reich an Nährstoffen, die Basis unserer Ernährung bilden. Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, gesunde Fette und Proteine aus natürlichen Quellen helfen dabei, unseren Körper in Balance zu halten.
Auf der mentalen Ebene führt der exzessive Konsum digitaler Medien oft zu einer fragmentierten Aufmerksamkeit und beeinträchtigt unsere Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein. Es ist wichtig, bewusste Auszeiten von digitalen Geräten zu nehmen und diese Zeit für echte, tiefgehende zwischenmenschliche Interaktionen oder für Aktivitäten in der Natur zu nutzen. Regelmäßige digitale „Diäten“ – etwa, indem man Bildschirmzeit bewusst reduziert oder bestimmte Zeiten des Tages frei von sozialen Medien hält – können helfen, die Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen und die mentale Gesundheit zu stärken.
Die dritte Säule eines artgerechten Lebens ist unser Sozialleben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Soziale Bindungen zu pflegen, Freundschaften zu vertiefen und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, sind entscheidend für unser Wohlbefinden. Aktivitäten wie gemeinsames Kochen, Spielen oder Wandern fördern diese Beziehungen. Das Island-Experiment zeigt eindrucksvoll, dass Gemeinschaftserfahrungen eine starke präventive Wirkung gegen Suchterkrankungen haben können. Durch die bewusste Integration von sozialen Aktivitäten in unseren Alltag fördern wir unsere psychische Gesundheit und steigern unsere Lebenszufriedenheit. Der ständige Aufenthalt in der Komfortzone führt zu Stagnation und Unzufriedenheit. Neue Herausforderungen anzunehmen, sei es durch das Erlernen einer neuen Fähigkeit, das Eingehen auf ungewohnte Situationen oder das Setzen von ehrgeizigen Zielen, fördert die persönliche Entwicklung und die Resilienz gegenüber den Schwierigkeiten des Lebens.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir durch regelmäßige Bewegung, Kälte- und Fastenreize, gesunde Ernährung, bewussten Medienkonsum, intensive soziale Beziehungen und das Verlassen der Komfortzone unseren Lebensstil deutlich artgerechter gestalten können. Diese Maßnahmen fördern nicht nur unsere körperliche und geistige Gesundheit, sondern helfen uns auch, ein erfüllteres und widerstandsfähigeres Leben zu führen. Letztlich geht es darum, der Bequemlichkeit zu widerstehen und durch die bewusste Annahme von Herausforderungen das Beste aus unseren natürlichen Fähigkeiten herauszuholen.
Quellen
- Nehls, M. (2022). Das erschöpfte Gehirn. Legato Verlag.
- Moreno-Jiménez, E. P., Terreros-Roncal, J., Flor-García, M., Rábano, A., & Llorens-Martín, M. (2021). Evidences for adult hippocampal neurogenesis in humans. The Journal of Neuroscience, 41(12), 2541–2553. Artikel lesen.
- Masanovic, B., Gardasevic, J., Marques, A., Peralta, M., Demetriou, Y., Sturm, D. J., & Popovic, S. (2020). Trends in Physical Fitness Among School-Aged Children and Adolescents: A Systematic Review. Frontiers in Pediatrics, 8, 627529. Artikel lesen.
- Lorenz-Spreen, P., Mønsted, B. M., Hövel, P., & Lehmann, S. (2019). Accelerating dynamics of collective attention. Nature Communications, 10(1), 1759. Artikel lesen.
- Taleb, N. N. (2018). Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (4. Auflage). Pantheon.
- Bauer, J. (2014). Prinzip Menschlichkeit: warum wir von Natur aus kooperieren (7. Aufl.). Heyne.
- Rodriguez-Ayllon, M., Cadenas-Sánchez, C., Estévez-López, F., Muñoz, N. E., Mora-Gonzalez, J., Migueles, J. H., Molina-García, P., Henriksson, H., Mena-Molina, A., Martínez-Vizcaíno, V., Catena, A., Löf, M., Erickson, K. I., Lubans, D. R., Ortega, F. B., & Esteban-Cornejo, I. (2019). Role of physical activity and sedentary behavior in the mental health of preschoolers, children and adolescents: A systematic review and meta-analysis. Sports Medicine, 49(9), 1383–1410. Artikel lesen.
- Young, E. (2017). Das Island-Experiment. Gehirn & Geist, (12), 8. Artikel lesen.
- Hüther, G. (2013). Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn (11. Aufl.). Vandenhoeck & Ruprecht.
- Paideia. (2014, 6. Februar). Ludwig Feuerbach und der Mensch. Artikel lesen (besucht am 30. 9. 2024).
- Fraktion der FDP. (o. D.). 19/9880 – Einsamkeit und die Auswirkung auf die öffentliche Gesundheit. Deutscher Bundestag. Dokument lesen (besucht am 30. 9. 2024).
- Greene, R. (2019). Die Gesetze der menschlichen Natur: mit einzigartigen Strategien, wie Sie menschliches Denken und Handeln entschlüsseln. FBV.
- Neffe, J. (2017). Marx, der Unvollendete (1. Auflage). C. Bertelsmann.
- Hari, J. (2022). Abgelenkt: wie uns die Konzentration abhandenkam und wie wir sie zurückgewinnen (1. Auflage). riva Verlag.
- Hof, W., & De Jong, K. Nie wieder Krank. riva Verlag.
Kommentare